Tablets für sehbehinderte Menschen | Preisvergabe für die Entwicklung taktiler Displays

Tablets für sehbehinderte Menschen | Preisvergabe für die Entwicklung taktiler Displays

Bastian E. Rapp. Foto: Markus Breig/KIT

Bastian E. Rapp. Foto: Markus Breig/KIT

 

Bastian Rapp erhält einen mit 2 Millionen Euro dotierten ERC Consolidator Grant für die Entwicklung taktiler Displays

Der Ingenieur Prof. Dr. Bastian E. Rapp vom Institut für Mikrosystemtechnik der Universität Freiburg erhält für seine Forschung zu taktilen Displays, deren Abbildung sehbehinderte Menschen ertasten können, einen mit 2 Millionen Euro dotierten Consolidator Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC). Rapp und seine Arbeitsgruppe entwickeln neue Konzepte, wie solche Displays aufgebaut werden können. Ziel seines Projekts ist, eine Art Tablet für sehbehinderte Menschen zu entwickeln. Der ERC Grant, den Rapp während seiner Zeit am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) eingeworben hat, gehört zu den renommiertesten Preisen für europäische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Das Bild gewöhnlicher Displays entsteht mithilfe kleiner Lichtpunkte, den Pixeln. Bei taktilen Displays treten an ihrer Stelle tastbare Punkte aus der Oberfläche hervor, die so genannten Taxel. Bei ihnen handelt es sich um kleine Stifte, die mechanisch bewegt werden und deren oberes Ende als Punkt erscheint.

Jedoch ist diese Technologie viel weniger weit entwickelt und teurer als die Displays für sehende Menschen. Das liegt vor allem an der vergleichsweise aufwendigen Herstellung der entsprechenden Systeme. Da die letzten Jahrzehnte kaum Neuerungen bezüglich ihrer Funktionsweise gebracht haben, hat die Darstellung der am Markt verfügbaren Systeme eine schlechte Qualität: Die Auflösung des besten Systems, das knapp 50.000 Euro kostet, entspricht einem Bruchteil der Pixelzahl, die ein Nintendo Gameboy Anfang der 1990er Jahre hatte.

Mithilfe des ERC Grants wird Rapp Konzepte für Taxel entwickeln, die weitaus günstiger sind und die Herstellung portabler Systeme ermöglichen. Dabei arbeitet er mit dem Studienzentrum für Sehgeschädigte des KIT zusammen, um die Systeme in engem Austausch mit potenziellen Anwenderinnen und Anwendern zu entwickeln.

Rapp studierte Maschinenbau an der Universität Karlsruhe und wurde dort im Jahr 2008 über die Entwicklung eines Biosensorsystems für die biomedizinische Diagnostik promoviert. 2017 schloss er seine Habilitation mit der Veröffentlichung eines Lehrbuchs über die Fluidmechanik in mikrofluidischen Systemen ab. Er war zuletzt Gruppenleiter am Institut für Mikrostrukturtechnik des KIT. Im November 2018 folgte er dem Ruf auf die Professur für Prozesstechnologie an das Institut für Mikrosystemtechnik der Universität Freiburg. Er ist darüber hinaus Mitgründer und Geschäftsführer der Glassomer GmbH, die hochauflösende 3-D-Drucktechnologien für Glas entwickelt. Für seine Arbeiten wurde er unter anderem mit dem Edison Award der General Electric (GE) Foundation, dem GMM-Preis der Gesellschaft für Mikroelektronik, Mikrosystem- und Feinwerktechnik sowie dem Förderpreis des Arbeitgeberverbands Südwestmetall ausgezeichnet.

Kontakt:
Prof. Dr. Bastian E. Rapp
Institut für Mikrosystemtechnik
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Tel.: 0761/203-7351
E-Mail: bastian.rapp@imtek.uni-freiburg.de


Originalpublikation:
https://www.pr.uni-freiburg.de/pm/2018/tablets-fuer-sehbehinderte-menschen?set_language=de

CATS: LOEWE-Forschungsprojekt zu Chatbot-Systemen im Personalrecruiting startet

CATS: LOEWE-Forschungsprojekt zu Chatbot-Systemen im Personalrecruiting startet

Forschungsprojekt CATS © Hochschule RheinMain

Forschungsprojekt CATS © Hochschule RheinMain

Das Projekt CATS (Chatbots in Applicant Tracking Systems) wird in den kommenden zwei Jahren mit rund 356.000 Euro vom Land Hessen gefördert. In Kooperation mit der milch & zucker Talent Acquisition & Talent Management Company AG in Gießen wird an der Hochschule RheinMain der Einsatz von Chatbots in unterschiedlichen Phasen eines Bewerbungsprozesses sowie die Integration dieser Chatbots in Bewerbermanagementsysteme von Personalabteilungen untersucht.

Chatbots sind computergestützte Dialogsysteme, mit denen Nutzerinnen und Nutzer – ähnlich wie mit Menschen – in natürlicher Sprache kommunizieren können. Sie lassen sich beispielsweise in Instant Messenger integrieren und können dann Fragen automatisiert beantworten. Der weltweite Markt für solche Systeme wächst derzeit sehr stark. Der globale Umsatz wird für das Jahr 2025 auf 1,25 Mrd. US-Dollar geschätzt.

Flexibler Werkzeugkasten mit Vorteilen für beide Seiten

Ziel des Forschungsvorhabens ist es, basierend auf verfügbaren Chatbot-Basistechnologien ein Recruiting-Chatbot-Framework zu entwickeln. Entstehen soll dabei ein flexibler Chatbot-Werkzeugkasten, der vor, während und nach der Bewerbung eingesetzt werden kann. Außerdem soll der Chatbot-Werkzeugkasten auch die Möglichkeit bieten, über standardisierte Schnittstellen in bestehende Bewerbermanagementsysteme integriert zu werden. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) sollen die neuen Chatbots im Gegensatz zu bestehenden Lösungen eine verbesserte Kommunikation sowie umfassendere Interaktionsformen ermöglichen. „Wichtig ist es, dass wir die Bereiche identifizieren, in denen Chatbots eine realistische Effizienzsteigerung im Bewerbungsprozess bei akzeptabler Service-Qualität erzielen können“, erklärt Prof. Dr. Stephan Böhm, Projektleiter und Professor für Telekommunikation/Mobile Media im Studiengang Media Management.

Nutzerzentriertes Design

Wesentliche Ergebnisse im Projekt werden neuartige grafische Benutzeroberflächen (GUI) zur Bedienung und Konfiguration der Chatbots sein. Zusätzlich müssen Chatbot-Komponenten spezifisch zur Verwendung im Recruiting und zur Anbindung an Bewerbermanagementsysteme konfiguriert werden. Durch die Bereitstellung eines „Werkzeugkastens“ soll auch Mitarbeitern der Personalabteilungen ohne IT-Support die aufgabenbezogene Konfiguration von Chatbot-Systemen ermöglicht werden.
Zusätzlich sind auch die Endbenutzerschnittstellen so auszugestalten, dass Bewerber-anforderungen an eine gute User Experience sowie an Datenschutzanforderungen erfüllt werden können. Basierend auf einem nutzerzentrierten Design-Ansatz werden systematisch die bewerber- und unternehmensseitigen Anforderungen erhoben und mittels eines iterativen und agilen Projektansatzes ein Prototyp entwickelt. „Am Ende steht nicht eine konkrete Softwarelösung, sondern ein Framework als technisches Grundgerüst“, erklärt Prof. Dr. Stephan Böhm. „Daraus kann dann später ein kommerzielles Endprodukt für verschiedene Chatbot-Basistechnologien und Bewerbermanagementsysteme entwickelt werden“, ergänzt Ingolf Teetz, Vorstandsvorsitzender der milch & zucker AG.

Erste Schritte und Begleitforschung

In den kommenden Wochen werden zunächst Trainingsdaten für die KI-Komponenten identifiziert und aufbereitet. Fragen bezüglich geeigneter Basistechnologien und -standards, relevanter Schnittstellen und Anwendungsfelder, akzeptanzentscheidender Systemeigenschaften und GUI-spezifischer Möglichkeiten für das Chatbot-Framework stellen die Basis der begleitenden Forschung dar. Des Weiteren sollen die Qualität der Chatbot-generierten Bewerberdaten bewertet und geeignete KI-Modul-Trainingsdaten erhoben beziehungsweise adaptiert werden. „Die gemeinsame Entwicklungsarbeit zwischen Hochschule und Unternehmen in einem LOEWE-Forschungsprojekt macht dabei den besonderen Reiz aus“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Jäger, Sonderbeauftragter des Fachbereichs Design Informatik Medien.

Das Forschungsprojekt CATS (HA-Projekt-Nr.: 642/18-65) wird im Rahmen der Innovationsförderung Hessen aus Mitteln der LOEWE-Landes-Offensive zur Entwicklung Wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz, Förderlinie 3: KMU-Verbundvorhaben gefördert.


Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Prof. Dr. Stephan Böhm, stephan.boehm@hs-rm.de


Weitere Informationen:

https://www.hs-rm.de/de/fachbereiche/design-informatik-medien/forschungsprofil/cats/

Künstliche Intelligenz aus europäischer Perspektive

Künstliche Intelligenz aus europäischer Perspektive

International und interdisziplinär: 26 Internetforschungsinstitute eines europäischen Netzwerks forschen zu gesellschaftlichen Herausforderungen digitaler Technologien wie der Künstlichen Intelligenz (KI). Bei einer Konferenz in Haifa stellen NachwuchsforscherInnen ihre Ergebnisse zu rechtlichen und ethischen Auswirkungen von KI vor und die Weiterarbeit des Netzwerks wird besprochen.

Berlin, 28.11.2018 – Wie transparent müssen Algorithmen der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) nach sein? Wie können ethische Auswirkungen Künstlicher Intelligenz gemessen und gekennzeichnet werden? Welchen Einfluss hat KI auf Privatsphäre und Demokratie? Vom 28. bis zum 30. November präsentieren NachwuchswissenschaftlerInnen europäischer Forschungsinstitute ihre Forschungsergebnisse bei der Konferenz „Artificial Intelligence: ethical and legal implications“ in Haifa, Israel, die vom Center for Cyber Law & Policy der University of Haifa (CCLP) und dem European Hub des Global Network of Internet Society Research Centers organisiert wird. Die Keynote wird Helen Nissenbaum von der Cornell Tech halten.

Die Forschungseinrichtungen gehören zu einem internationalen Netzwerk, dessen Ziel es ist, europäische Internetforschung auf internationaler Ebene zu stärken. Derzeit besteht das Netzwerk aus 26 Forschungsinstituten in 15 Ländern, wie das Nexa Center for Internet and Society in Turin, das Oxford Internet Institute in Großbritannien und das Digital Center in Warschau. Koordiniert wird der sogenannte European Hub vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) in Berlin.

„Es ist beeindruckend, wie viele junge KollegInnen in Europa sich bereits aus unterschiedlichen Perspektiven der Frage nähern, welche Potentiale und Risiken KI für die Gesellschaft und das Individuum birgt. Wir geben ihnen durch die Konferenz eine Plattform, sich auszutauschen, neue Denkanstöße zu bekommen und sich zu vernetzen“, sagt Wolfgang Schulz, Forschungsdirektor am HIIG. „Sie haben auch die Gelegenheit, ihre Arbeiten mit etablierten ForscherInnen zu diskutieren, so nimmt mit Helen Nissenbaum eine der international bedeutendsten DenkerInnen zu Privacy an der Konferenz teil“. Der European Hub wurde im Oktober 2017 gegründet und gehört zum Global Network of Internet Society Research Centers. Neben dem inhaltlichen Fokus auf Künstliche Intelligenz wollen die Institute ihre weitere Zusammenarbeit während der Konferenz diskutieren und festigen.

Weitere Informationen: Das Programm der Konferenz: http://noc-europeanhub.net/wp-content/uploads/2018/10/AI-Legal-Ethical-Implications.pdf
Über den European Hub: http://noc-europeanhub.net/ und HIIG: https://www.hiig.de/

Pressekontakt: Florian Lüdtke | Tel. +49 30 200 760 82 | presse@hiig.de

Über das NoC
Das Global Network of Internet Society Research Centers ist eine Initiative wissenschaftlicher Institutionen, die interdisziplinäre Forschung im breiten Themenkomplex Internet und Gesellschaft betreiben. Das Netzwerk wurde 2012 – u.a. vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) – gegründet und verfolgt das Ziel, die Zusammenarbeit der teilnehmenden Institute zu stärken, um voneinander zu lernen, Synergien zu heben und globale Fragen gemeinsam angehen zu können. Das NoC setzt sie sich mit Themen lokaler, nationaler und globaler Bedeutung auseinander, etwa in den Bereichen Policy, Regulierung und Governance, gesellschaftlicher Wandel, neue Märkte und Businessmodelle, Immaterialgüterrecht, Privacy, Sicherheit und vielen anderen mehr. Das Netzwerk möchte gemeinsame Forschungsaktivitäten anregen und koordinieren, denn viele dieser Fragen bedürfen einer internationalen und interdisziplinären Betrachtung. Mehr Informationen finden Sie hier: http://networkofcenters.net/about (englisch).

Über das HIIG
Das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) erforscht die Entwicklung des Internets aus einer gesellschaftlichen Perspektive, um die damit einhergehende Digitalisierung aller Lebensbereiche besser zu verstehen. Als erstes Forschungsinstitut in Deutschland mit einem Fokus auf Internet und Gesellschaft hat das HIIG ein Verständnis erarbeitet, das die Einbettung digitaler Innovationen in gesellschaftliche Prozesse betont. Basierend auf dieser transdisziplinären Expertise und als Teil des Global Network of Interdisciplinary Internet & Society Research Centers will das HIIG eine europäische Antwort auf den digitalen Strukturwandel entwickeln.

Das HIIG wurde 2011 von der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), der Universität der Künste Berlin (UdK) und vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) gegründet mit dem Hans-Bredow-Institut Hamburg als integrierter Kooperationspartner. Die ForschungsdirektorInnen des Instituts sind Prof. Dr. Jeanette Hofmann, Prof. Dr. Dr. h.c. Ingolf Pernice, Prof. Dr. Björn Scheuermann, Prof. Dr. Dr. Thomas Schildhauer und Prof. Dr. Wolfgang Schulz.

Weitere Informationen:

http://noc-europeanhub.net/wp-content/uploads/2018/10/AI-Legal-Ethical-Implications.pdf Logo des European Hub


Tagung und Preisverleihung: Medienethik-Award für Ranga Yogeshwar und Matthias Martin Becker

Tagung und Preisverleihung: Medienethik-Award für Ranga Yogeshwar und Matthias Martin Becker

Bereits zum 15. Mal verleihen Studierende der Hochschule der Medien Stuttgart (HdM) den Medienethik-Award META für herausragende journalistische Beiträge. Am 5. Dezember werden die Journalisten Ranga Yogeshwar und Matthias Martin Becker die Preise entgegennehmen. Die Verleihung findet ab 10 Uhr zu Beginn der IDEepolis-Tagung 2018 des Instituts für Digitale Ethik (IDE) an der HdM statt, die sich um Digitalisierung und Demokratie dreht. Im Mittelpunkt der Tagung steht die Frage, welche Rolle Medien und Kommunikation mit ihren vielfältigen neuen Möglichkeiten für die demokratische Gesellschaft haben und ebenso die zu berücksichtigenden negativen Auswirkungen.

Zu den Referenten zählt etwa Prof. Dr. Volker Lilienthal, Universität Hamburg, der fragt, ob Journalismus die Demokratie schützen kann, oder der Journalist, Autor, YouTuber Rayk Anders („Eure Dummheit kotzt mich an“), der über organisierten Hass im Netz spricht.
Um „Freiheit 2.0.“ geht es bei Dr. Stefan Brink, Landesbeauftragter für Datenschutz und Informationsfreiheit des Landes Baden-Württemberg, und dem Konzeptkünstler Florian Mehnert.

Ranga Yogeshwar erhält den Medienethikaward in der Kategorie Zeitung, Matthias Martin Becker in der Kategorie Radio. Für den META 2018 wertete eine Jury aus Studierenden zwei Semester lang Medienbeiträge zum Thema „Digitalisierung und Demokratie“ aus. Im Rahmen des interdisziplinär angelegten Projekts sichtete und diskutierte die Gruppe aus 44 jungen Erwachsenen Zeitungsartikel und Radiosendungen zu Themen wie Fake News, Social Bots, Datenmissbrauch und Medienregulierung. Zusätzlich zu ihrer Jurytätigkeit übernehmen die Studierenden unter der Betreuung von Prof. Dr. Petra Grimm und Karla Neef, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiengang Medienwirtschaft, die Planung, Organisation und Kommunikation der Preisverleihung.

„Der diesjährige META widmet sich der Frage, inwieweit digitale Systeme und deren Nutzung demokratische Strukturen destabilisieren können und welche Folgen damit einhergehen. Dass die Preisträger diese Entwicklung kritisch und umfassend betrachten sowie die ethische und gesellschaftliche Relevanz des Themas reflektieren, verdient ein besonderes Lob“, erläutert die Initiatorin des Preises, Prof. Dr. Petra Grimm.

Seit 2003 wird der META von einer jährlich wechselnden Jury aus Studierenden als Qualitätssiegel für wertebewusste und ethisch orientierte Medieninhalte verliehen. Die „MediaCharta“, ein eigens für die Auszeichnung entwickelter Kriterienkatalog, bildet die Bewertungsgrundlage, anhand derer die zahlreichen journalistischen Beiträge bewertet und schließlich die Gewinner gekürt werden. Mit der Vergabe des Preises sollen Medienschaffende und die Gesellschaft für medienethische Fragestellungen sensibilisiert werden. Das Projekt META wurde 2011 mit dem baden-württembergischen Landeslehrpreis ausgezeichnet.

Gäste, die an der Tagung und der Preisverleihung teilnehmen möchten, sind herzlich willkommen und können sich unter www.hdm-stuttgart.de/meta anmelden.

Auf dem Weg zum Beschleuniger auf dem Mikrochip

Auf dem Weg zum Beschleuniger auf dem Mikrochip

Beschleunigerchip auf der Fingerspitze und eine Elektronenmikroskopie des Chips Hagen Schmidt/Andrew Ceballos

Beschleunigerchip auf der Fingerspitze und eine Elektronenmikroskopie des Chips Hagen Schmidt/Andrew Ceballos

 

Darmstadt, 23. November 2018. Elektrotechniker am Fachgebiet Beschleunigerphysik der TU Darmstadt entwickeln ein Konzept eines lasergetriebenen Elektronenbeschleunigers, der so klein ist, dass er auf einem Siliziumchip hergestellt werden kann und kostengünstig und vielseitig einsetzbar ist. Das bei „Physical Review Letters“ veröffentlichte Design wird nun von einer internationalen Kollaboration in die Praxis umgesetzt.

Teilchenbeschleuniger sind üblicherweise groß und kostenintensiv. Das soll sich nun ändern. Das von der amerikanischen Gordon-and-Betty-Moore-Stiftung geförderte „Accelerator on a Chip International Program“ (AChIP) hat sich zum Ziel gesetzt, einen Elektronenbeschleuniger auf einem Siliziumchip zu realisieren. Die grundlegende Idee hier ist, Beschleunigerstrukturen aus Metall durch Glas oder Silizium zu ersetzen und als Energiequelle statt eines Mikrowellengenerators einen Laser zu nutzen. Durch die höhere elektrische Feldbelastbarkeit von Glas lässt sich die Beschleunigungsrate erhöhen und dadurch die gleiche Energie auf kürzerer Strecke auf die Teilchen übertragen, was den Beschleuniger um ungefähr einen Faktor 10 kürzer macht als herkömmliche Beschleuniger gleicher Endenergie. Eine Herausforderung ist hierbei, dass der Vakuumkanal für die Elektronen auf einem Chip nur sehr klein sein kann, was eine extrem starke Fokussierung des Elektronenstrahls erfordert. Die in konventionellen Beschleunigern eingesetzten magnetischen Fokussierkanäle sind hierfür bei weitem zu schwach. Das bedeutet, dass für einen Beschleuniger auf einem Chip ein völlig neues Fokussierkonzept entwickelt werden muss.
Als Teil des TU-Profilbereichs „Teilchenstrahlen und Materie“ hat die AChIP-Gruppe am Fachgebiet Beschleunigerphysik (Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik der TU Darmstadt) um den Nachwuchswissenschaftler Dr. Uwe Niedermayer kürzlich eine entscheidende Lösung vorgestellt. Zur Fokussierung der Elektronen im nur 420 Nanometer breiten Kanal sollen die Laserfelder selbst eingesetzt werden. Das Konzept basiert darauf, die relative Phase der Elektronen zum Laser sprunghaft zu ändern, was dazu führt, dass man alternierende Fokussierung und Defokussierung in den zwei Richtungen der Ebene der Chip-Oberfläche bekommt. Dadurch erhält man Stabilität in beiden Richtungen. Das Konzept ist vergleichbar mit einer Kugel auf einem Sattel. Die Kugel wird herunterfallen, unabhängig in welcher Richtung der Sattel steht. Dreht man den Sattel allerdings kontinuierlich, so bleibt die Kugel stabil auf dem Sattel. Das Gleiche tun die Elektronen im Kanal auf dem Chip.
Senkrecht zur Chip-Oberfläche ist nur eine schwächere Fokussierung notwendig, und es kann ein einziger Quadrupol-Magnet verwendet werden, der den gesamten Chip umschließt. Dieses Konzept ist ähnlich dem eines konventionellen Linearbeschleunigers. Für den Beschleuniger auf dem Chip wurde allerdings die Elektronendynamik verändert, um ein zweidimensionales Design zu erzielen, welches sich mit lithographischen Techniken aus der Halbleiterindustrie realisieren lässt.
Niedermayer ist zurzeit als Gastwissenschaftler an der amerikanischen Stanford Universität, die das AChIP-Programm zusammen mit der Universität Erlangen leitet. Er arbeitet dort mit den AChiP-Kollegen an der Realisierung des Beschleunigers auf dem Chip in einer Experimentierkammer von der Größe eines Schuhkartons. Als Laserquelle kommt ein kommerziell verfügbares System zum Einsatz, welches durch eine komplizierte nichtlineare Optik angepasst wird. Ziel des bis 2020 laufenden AChIP-Programms ist, aus dem Chip Elektronen mit einer Energie von einem Megaelektronenvolt zu erhalten. Das entspricht der elektrischen Spannung von etwa einer Million Batterien. Weiterhin sollen auch ultrakurze (<10^-15 Sekunden) Elektronenpulse realisiert werden, wie sie für einen skalierbaren Beschleuniger auf dem Chip nach dem Konzept aus Darmstadt notwendig sind.
Die Anwendungsmöglichkeiten eines solchen Beschleunigers liegen in der Industrie sowie in der Medizin. Ein wichtiges langfristiges Ziel ist, eine kompakte kohärente Röntgenstrahlungsquelle zur Charakterisierungen von Materialien zu realisieren. Eine medizinische Anwendung wäre zum Beispiel ein Beschleuniger-Endoskop, mit dem man Tumore aus dem Inneren des Körpers mit Elektronen bestrahlen könnte. Ein besonderer Vorteil dieser neuen Beschleunigertechnologie ist, dass die Chips kostengünstig in großen Stückzahlen hergestellt werden können, was den Beschleuniger für Jedermann oder das Beschleunigerlabor für jede Universität möglich macht. Weiterhin ergeben sich Möglichkeiten, kostengünstige kohärente Röntgenstrahlungsquellen in der Halbleiterindustrie in Prozessen der Fotolithograpie einzusetzen, was eine Verkleinerung der Transistoren in Computerprozessoren und eine höhere Integrationsdichte ermöglicht.

Über die TU Darmstadt
Die TU Darmstadt zählt zu den führenden Technischen Universitäten in Deutschland. Sie verbindet vielfältige Wissenschaftskulturen zu einem charakteristischen Profil. Ingenieur- und Naturwissenschaften bilden den Schwerpunkt und kooperieren eng mit prägnanten Geistes- und Sozialwissenschaften. Weltweit stehen wir für herausragende Forschung in unseren hoch relevanten und fokussierten Profilbereichen: Cybersecurity, Internet und Digitalisierung, Kernphysik, Energiesysteme, Strömungsdynamik und Wärme- und Stofftransport, Neue Materialien für Produktinnovationen. Wir entwickeln unser Portfolio in Forschung und Lehre, Innovation und Transfer dynamisch, um der Gesellschaft kontinuierlich wichtige Zukunftschancen zu eröffnen. Daran arbeiten unsere 312 Professorinnen und Professoren, 4.450 wissenschaftlichen und administrativ-technischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie knapp 26.000 Studierenden. Mit der Goethe-Universität Frankfurt und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz bildet die TU Darmstadt die strategische Allianz der Rhein-Main-Universitäten.

www.tu-darmstadt.de

MI-Nr. 61/2018, Niedermayer/Boine-Frankenheim/sip


Wissenschaftlicher Ansprechpartner:
Dr.-Ing. Uwe Niedermayer
Technische Universität Darmstadt
Institut für Theorie Elektromagnetischer Felder
Tel.: (+49) 6151-16 24039
Email: niedermayer@temf.tu-darmstadt.de


Originalpublikation:
Alternating-Phase Focusing for Dielectric-Laser Acceleration
https://journals.aps.org/prl/abstract/10.1103/PhysRevLett.121.214801

Wikipedia auf dem Lehrplan: Pharmazie-Studenten überarbeiten Einträge zum Allgemeinwohl

Die Nase läuft, der Rücken schmerzt oder die Schnittwunde verheilt nicht – in diesen Fällen wenden sich viele Menschen an das Internet. So mancher hat sich mithilfe von „Dr. Google“ wohl auch schon selbst eine Diagnose gestellt. Pharmazie-Studenten der Monash University in Australien haben nun auf dem Lehrplan, die Wikipedia-Seiten zu Gesundheitsthemen zu verbessern und valide und gute Informationen für jeden weltweit zugänglich zu machen.

Wenn sich Menschen selbst über Internetmaschinen medizinische Diagnosen stellen, ist das als „Dr. Google konsultieren“ sehr bekannt. Dieses Phänomen ist nicht neu und bereits tief verwurzelt.

Ab 2019 werden Pharmazie-Studenten der Monash University in Melbourne die ersten Studierenden in Australien sein, die im Rahmen eines Seminars lernen, wie man Wikipedia-Seiten mit medizinischen Abhandlungen editiert. Bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia kann jeder mithilfe der Tools der Seite Inhalte hinzufügen oder entfernen.

Das Konzept wurde von Professor Tina Brock, Direktorin der Abteilung „Pharmacy Education“, entwickelt. Diese Woche veröffentlichte sie einen Aufsatz mit dem Titel „Paving the desire paths of health information needs – Teaching students to edit Wikipedia“ in dem BMC Medical Education-Journal. Der Aufsatz basiert auf der Forschung, an der sie 2016 an der University of California in San Francisco maßgeblich beteiligt war.

„Wikipedia hat großartige Tools und Dashboards erschaffen, welche es Dozenten erleichtern, über Wikipedia zu lehren“, erklärt Professor Brock. „Mein Ziel für Pharmazie-Studiengänge weltweit ist es, Seiten zu übernehmen und zu gewährleisten, dass diese stets auf dem neuesten Stand gehalten sind. Das hilft sehr, gute und valide Informationen zu verbreiten.“

„Aber das war zunächst nicht so leicht umzusetzen, denn es handelt sich um ein neues Lehrmodell, das nicht sofort alle überzeugt hat. Aber was wir im Seminarraum tun, hat tatsächlich reale Auswirkungen, und die Bevölkerung kann davon profitieren. Stellen Sie sich vor, dass gute und geprüfte Informationen über Medizin weltweit frei verfügbar wären!“

Bei dem Projekt in Kalifornien editierten Medizinstudenten im Rahmen eines Wahlfachs Wikipedia-Seiten über Krankheiten und Diagnosen. Danach wiederholten mehr als 100 Pharmazie-Studenten dieselbe Aufgabe. In diesem Fall jedoch haben sie an Seiten über Arzneimittel gearbeitet und sich dabei besonders auf Seiten, die sehr häufig besucht wurden, allerdings eine niedrige Genauigkeit aufwiesen, konzentriert.

Der in dieser Woche veröffentlichte Aufsatz führt aus, dass auf diese Weise „sowohl die Informationen für die Öffentlichkeit als auch die Kommunikations-Fähigkeiten der Studenten verbessert wurden. Die Auswirkung der von den Studierenden vorgenommenen Änderungen war substanziell für die Verbesserung der Genauigkeit und Verständlichkeit der medizinischen Seiten, und es erhöhte die Besuche der entsprechenden Seiten, welches die Effekte dieses Eingreifens noch zusätzlich vergrößert.“

An den meisten Universitäten (einschließlich der Monash University) müssen Pharmazie-Studenten medizinische Informationen mithilfe von Berichten, Monographien oder Benutzerhandbüchern darstellen. Dieses neue Lehrprogramm geht mit seinen „evidence-based medicine practices“ einen Schritt weiter.

Zum Teil handelt es sich dabei auch um eine Generationen-Frage. Wikipedia und Google sind mittlerweile omnipräsent und ihre Verwendung sehr weit verbreitet. Eine neue Generation von Studierenden wird den Wert von Wikipedia als sehr viel nützlicher einschätzen, während sie gleichzeitig dessen Offenheit für Beiträge von Jedermann respektieren.

Die University of California ist die erste Hochschule, an der Studierende der Pharmazie oder Medizin in einem Seminar Wikipedia-Seiten editiert und dafür Credits bekommen haben. Der Aufsatz erläutert, dass auf diese Weise „Seiten von schlechter Qualität entfernt werden konnten, bessere Quellen angegeben wurden und neue Informationen hinzugefügt wurden, während die Studenten lernen konnten, wie sie am besten medizinische Informationen darstellen und dies zusätzlich für die Öffentlichkeit sichtbar war.“

„Wikipedia“, so sagt Professor Brock, „hat sich in etwas verwandet, was Akademiker und verkehrstechnische Planer als ´desire path´ bezeichnen. Dabei handelt es sich um eine Abkürzung und zwar einen sehr ausgetretenen und viel besuchten Weg. Die Idee zielt nun darauf ab, so Professor Brock, dass diese Abkürzung für die Nutzer verbessert wird.“

Professor Brocks beruflicher Hintergrund ist globale Gesundheit, weshalb die Vorstellung einer Demokratisierung der Verbreitung von guten Gesundheitsinformationen für sie so ansprechend war. Eine gemeinnützige, humanitäre Gruppe mit dem Namen „Übersetzer ohne Grenzen“ hat bereits begonnen, die Wikipedia-Seiten in verschiedene Sprachen zu übersetzen.

Ihr Kalifornien-Projekt nahm etwa zur selben Zeit ihren Anfang wie die Ebola-Krise in West-Afrika. „Menschen wandten sich für Informationen an Wikipedia“, sagt sie, „und nicht, zum Beispiel, an die Zentren für Seuchenbekämpfung.“

„Wikipedia ist ein Ort, an dem Studenten, die Öffentlichkeit und sogar Gesundheitsexperten ihre Informationen suchen. Wenn wir unsere Studenten lehren, Wikipedia zu verbessern, dann ist das Endprodukt für die Menschen weltweit sehr, sehr hilfreich.“

Weitere Informationen:

Institut Ranke-Heinemann / Australisch-Neuseeländischer Hochschulverbund
Pressestelle Friedrichstr. 95
10117 Berlin
Email: berlin(at)ranke-heinemann.de
Tel.: 030-20 96 29 593

oder:

Tina Brock
Email: Tina.Brock(at)monash.edu
Telefon: + 61 3 9903 9502
Faculty of Pharmacy and Pharmaceutical Sciences

Bei Veröffentlichung der Pressemitteilung bitten wir um eine Quellenangabe sowie die Zusendung eines Belegexemplars.

Das Institut ist die gemeinnützige Einrichtung zur Förderung des Austausches und der Auslandsstudien insbesondere mit allen Universitäten Australiens und Neuseelands sowie zur Förderung von Wissenschaft und Forschung. In seinen Förderprogrammen stellt es SchülerInnen und Studierenden Unterstützung in der Finanzierung durch Stipendien und Coaching in der Studienberatung und Studienplatzbewerbung zur Verfügung.


Weitere Informationen:

https://www.ranke-heinemann.de